PROJEKT
Geburt von tiempo-muerto.es
Tiempo-muerto.es ist ein „Tagebuch“ über mein Leben jenseits meines Lebens in Hannover. 2008 geriet ich nach Barcelona – mehr oder weniger zufällig. Ich kam nach Barcelona, um mit meinem Volleyballteam an den Eurogames, einem queeren Sportevent, teilzunehmen. Ich verliebte mich in die Stadt. Über viele Jahre kehrte ich jährlich mal für eine Woche, auch mal für 4 Wochen nach Barcelona zurück – zeitweise so etwas wie meine gefühlte zweite Heimat. Ich lernte etwas Spanisch. 2011 entwickelte sich sogar der Gedanke und Wunsch, ein Jahr nach Barcelona zu gehen: tiempo muerto – Auszeit. Damit ging auch die Domain www.tiempo-muerto.es online. Seitdem nutze ich diese Domain, um meine Auszeiten ab 2011 zu bebildern und zu beschreiben, quasi mein Reisetagebuch. Reisen als Auszeiten, als Kontrast vom Leben am zentralen Lebensmittelpunkt kannte ich vorher bereits. Ein guter Freund nahm mich ab 2003 mit auf außereuropäische Reisen (Costa Rica, Venezuela, Malaysia), Fernreisen. Als Tagebuch jener Reisen nutzte ich blogspot.
2012 trat der Gedanke nach einem ganzen Jahr Auszeit in Barcelona in den Hintergrund, der Wunsch keimte gelegentlich auf, mein Verstand sprach dagegen.
Ab 2014 suchte ich dann regelmäßig die Quinta Panoramica an der Algarve für Auszeiten auf. Ich stieß zufällig auf die Quinta Panoramica, als ich mit meinem damaligen Partner Portugal bereiste und an der Algarve eine airbnb-Unerkunft buchten – die Quinta. Wir kehrten mehrfach zur Quinta zurück, verliebten uns in diesen Ort mit seinen zwei- und vierbeinigen Bewohnern. Anfang 2016 holten Meik und ich unseren Hund Sirius, der Oktober 2015 auf der Quinta geboren wurde, ab, es folgten Auszeiten gemeinsam mit Sirius bei seiner Familie. Ende 2017 gingen Meik und ich getrennte Wege, es verbindet uns jetzt eine tiefe Freundschaft. Ich lernte zunehmend Olaf, Kathi, Stan und andere liebe Menschen, die an der Algarve leben, kennen, meine Liebe zur Quinta Panoramica mit seinen Zwei- und Vierbeinern wächst seitdem bis heute weiter. Mit Olaf, Kathi und Stan verbindet mich heute eine tiefe, familiäre Freundschaft und Verbundenheit. Dafür bin ich unendlich dankbar. Die Quinta ist mein 2. Zuhause.
tiempo muerto – Auszeit – das Projekt – Auszeit vom Alltag, vom Beruf, vom kühlen Wetter als immerwährendes Bemühen, wird bleiben. Ein anderes eher ländliches Leben in milderem, sonnigen Klima, in der Nähe eines Meeres mit ganz anderen Tagesinhalten als in meiner Arbeits- und Alltagswelt in Deutschland ist wichtiger, absolut sinnstiftender Bestandteil meines Lebens.
Reisetagebuch
Tagebücher dienen generell der Reflexion, Verarbeitung und dem Festhalten von Erinnerungen. Sie schaffen Struktur im Gedanken- und Gefühlschaos, helfen dabei, dem Chaos eine sinnhafte Struktur zu geben. Warum schreibt ein Mensch ein Reisetagebuch, das auch noch öffentlich zugänglich ist? Für wen macht er das? Wen interessiert ein öffentliches Tagebuch mit Einblicken in private Erlebnisse und daraus resultierenden Gedanken? Was ist die Motivation? All diese Fragen können sehr unterschiedlich beantwortet werden, abhängig vom Schreibenden.
Primär erfüllt mein Reisetagebuch für mich einen „Selbstzweck“, ich poste für mich selbst. Tagebücher, auch dieses Reisetagebuch, dienen der emotionalen und gedanklichen Auseinandersetzung des Schreibenden mit der eigenen, kleinen inneren Welt und Existenz und der Welt, die außerhalb der eigenen Körpergrenzen stattfindet. Verkürzt dient mir tiempo-muerto.es dem Sortieren und Festhalten: Sortieren meiner Fantasien über Lebenszeiten außerhalb der Normalität meiner ersten Lebenswelt, in der ich auch dafür Geld verdiene, um Auszeiten möglich zu machen. Das Sortieren, in Worte bringen von sinnlichen Erfahrungen verleiht fragmentarischer Fantasien und Emotionen etwas subjektiv Sinnstiftendes. Aus dem Chaos erwächst eine Form, eine Struktur. Festhalten von für mich bedeutsamen Lebenserfahrungen. Der Großteil menschlicher Lebenserfahrungen verschwinden im Chaos des nicht-sprachlichen Vor- und Unbewussten, vieles wird „vergessen“, obwohl es im Moment des Erlebens wichtig war. Indem ich es festhalte, kann ich zu jedem Zeitpunkt heute nachlesen, wie es in der Vergangenheit für mich war. Ich halte Bilder und meine Fantasien, Schlussfolgerungen und Gefühle bezüglich eigener Erfahrungen fest. Warum das alles öffentlich-virtuell? Gibt es einen Zweck, der über meinen Selbstzweck hinausgeht? Der erste Grund ist profan: Fotos als Ausdrucke oder Daten auf der eigenen Festplatte und Texte als Papiertagebücher oder Textdokumente auf einer Festplatte können unwiederbringlich durch Zerstörung oder Diebstahl verloren gehen. Das erscheint weniger wahrscheinlich, wenn sich wichtige Fotos und Texte auf einem Server, in der Cloud befinden, quasi als Backup und Sicherung. Der 2. Grund, der mir einfällt: Wenn ich in Auszeit bin, habe wenig Lust, Postkarten an Menschen jenseits meiner Auszeitwelt zu schicken. Die vorgegebenen Fotos auf Postkarten sind zu wenig individuell. Der übliche, aus Platzgründen reduzierte Text auf Postkarten? „Mir geht es gut. Das Wetter ist gut. Das Essen schmeckt. Blabla.“ So möchte ich das nicht. Viele meiner wichtigen Menschen jenseits der Auszeit-Welt können als Postkarenersatz meine Posts lesen. Optional. Wenn ihnen danach ist. Wenn sie mal kurz an mich denken. Ein dritter Grund ist Teilhabe: Intensive, gute Beziehungen sind doch auch davon geprägt, dass Menschen nicht nur zusammen Erfahrungen machen, etwas zusammen unternehmen, sondern sich auch wechselseitig am eigenen Lebens einschließlich der jeweiligen Gedanken und Überlegungen zu Erfahrungen teilhaben lassen. tiempo-muerto.es ist ein Anteil an der Teilhabe. Später, nach der Auszeit treffen wir uns wieder und können über die zurückliegenden Erfahrungen sprechen, uns austauschen, wieder etwas voneinander erfahren. Der letzte Grund, der mir bezüglich „öffentlich-medial“ einfällt – schwer in Worte zu fassen, auch Teil meiner beruflichen Identität – Menschen meine „psychologischen Konstrukte“ über das Leben, Lebenszufriedenheit/-unzufriedenheit, Gleichgewicht/Ungleichgewicht und menschlicher Wandelbarkeit und Entwicklungspotential zu vermitteln. Ich gebe als „Profi“ dazu Input, bin aber immer auch an Austausch über solche Fragen interessiert, möchte mir dann auch Input von Außen holen, mich von Menschen anregen lassen.
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft
Auszeiten sind mein Lebenselixier als Zaubertrank meines Lebens, als magisches Mittel zur Lebensverlängerung, Heilung oder Verwandlung. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft sind 3 Dimensionen, in denen Menschen Zeit in Bezug auf ein Objekt (äußere Objekte und das Selbst als Objekt, somit Subjekt) konzeptualisieren können. Klingt vielleicht abstrakt. Es wird vorstellbarer, wenn ich das Bild einer Sanduhr verwende: Im oberen Kolben der Sanduhr ist Zukunft, im kleinen, engen Durchlass Gegenwart, im unteren Kolben Vergangenheit. Vergangenheit: In Tagebüchern beschreiben Menschen Erfahrungen, die vergangen sind. Unwiederbringlich weg, allenfalls als affektiv besetzte Gedächtnisspur, Erinnerung im gegenwärtigen Körper abgespeichert. Irrelevant? Subjektiv auf keinen Fall: Vergangenes prägt uns, verändert uns, nimmt als Motivations- und Wirkquelle Einfluss auf heutiges Erleben und Handlungen im Hier und Jetzt und unsere zukünftigen nächsten Schritte. Oscar Wilde: „Eines Menschen Vergangenheit ist das, was er ist. Sie ist der einzige Maßstab an dem er gemessen werden kann.“ Gegenwart: Im Moment des Schreibens in ein Tagebuch über Vergangenes findet das winzig klein erscheinende Zeitfenster der Gegenwart statt. Jetzt während ich auf die Tasten meines Laptops drücke, döst Sirius im Bett, wartet darauf, dass ich mit ihm rausgehe. Ausblenden, aufschieben, zurück zum Hier und Jetzt meiner Gedanken. Gedanken, Erinnerungen an mein Leben in den unzähligen Momenten auf der Quinta Panoramica sind für mich unermesslich gut und positiv. Der Blick auf jene Vergangenheit produziert jetzt in meinem Körper sehr gute Gefühle und viel Zufriedenheit – jetzt in dem gegenwärtigen Moment des Schreibens. Jetzt denke ich an die Menschen dort und bin dankbar, den Menschen dankbar. Ich denke an die vielen Tiere dort und bin dankbar. Die Natur, Umgebung – dankbar. Arthur Schopenhauer: „Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich: Sie ist die real erfüllte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser Dasein.“ Zukunft: Die Momente der Vergangenheit meiner Auszeiten und der jetzige Moment des Schreibens nehmen Einfluss auf die Zukunft. Es ist hochwahrscheinlich, dass ich zukünftig wieder an meinem Seelenort sein werde. Diverse Handlung in der Gegenwart als Pläne – wann werde ich wieder dort sein, welches Flugzeug wird mich dort hin bringen usw. – erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Zukunft stattfinden wird. Vorfreude. Tagebücher enthalten viel Vergangenheit, werden in winzig klein erscheinenden Sekunden der Gegenwart geschrieben, nehmen Einfluss auf die Zukunft. Johann Wolfgang von Goethe: „Sein Jahrhundert kann man nicht verändern, aber man kann sich dagegen stellen und glückliche Wirkungen vorbereiten.“
Erstes Zuhause
Hannover Waldhausen / Deutschland
Zweites Zuhause
Barão de São João / Portugal
Orte mit Sonne, Wärme, Strand und Wasser
Orte, an denen Freunde sind
