Psychotherapietage – danach

24 Apr. 2026

Ich melde mich noch mal. Am letzten Samstag saß ich im Zug von der Fortbildungwoche in Lindau nach Augsburg, um dort noch das Wochende zu verbringen, meinen Bruder und seine beiden Töchter zu treffen, bevor ich nach Hannover zurückfahre. Im Zug begann ich, Eindrücke der Woche in Worte und Sätze zu bringen. Eindrücke: Vorträge, Diskurse, Begegnungen drangen in mich ein und tanzten mit meinem Unbewussten, Vorbewussten und Bewusstsein. Letzteres lenkte und lenkt nun das Schreiben, das Un- und Vorbewusste war und ist in Bewegung, dringt ins Bewusstsein, schiebt Fragmente von Gedanken und Fantasien in Buchstaben, die Worte und Sätze ergeben.

Bevor ich einige Eindrücke der Lindau-Tage in Worte kleide, nehme ich Bezug zum 1. Lindau-Post. Ich schrieb dort: „Kein gesteigertes Interesse an mich-fachlich-weiterbilden.“ „Eigentlich weiß ich genug und uneigentlich weiß ich nicht genug.“ „Satt von Psycho-Zeugs“. Ich ergänze im Nachhinein – erfüllt von sehr inensiven Momenten der Tage – folgendes: Mein geringes „Interesse an fachlicher Weiterbildung“ war – das war mir eigentlich bereits im Vorfeld klar – deutlich überlagert vom Wunsch nach mehr Verständnis für gefühlte Sinnlosigkeit. Um nicht in die Irre zu führen: Es drehte sich nicht um die Sinnlosigkeit meines gesamten Lebens, keine Angst ich bin nich suizidal. Ich kann mir beim besten oder schlechtesten Fall nicht vorstellen, es jemals zu werden – dafür bin ich zu hart im Nehmen, zu leidensfähig oder was auch immer. Es geht mehr um die Frage nach einem übergeordneten Sinn bzw. Sinnverlust beim Blick auf den Irrsinn in der Welt. „Eigentlich weiß ich genug und uneigentlich weiß ich nicht genug“: Es gibt schon Wissensbereiche und Felder, die mich interessieren. Ich möchte da schon mehr wissen. Oft bin ich zu müde, habe genug mit dem Kopf gearbeitet oder bin zu faul und möchte lieber lustvolle Dinge tun, die keine intellektuelle Anstrengung und Energie benötigen. „Satt von Psycho-Zeugs“: Bin nach 4 bis 8 Stunden in Psychozusammenhängen eindeutig satt. Auch dann möchte ich am liebsten Nix oder Un-Sinn machen.

„Sinn und Werte“ war die Überschrift der Fortbildungswoche. In Lindau gibt es zu jeder der beiden Wochen eine Überschrift, die in den Vorträgen vor einer größeren Gruppe von Psychos direkt oder am Rande abgehandelt wird. Auch in kleineren Seminaren mit ca. 20 Kolleg:innen wird auf die Überschrift Bezug genommen. Sinn und Werte. Beides Begriffe, die Menschen beschäftigen, seit es Menschen gibt, zu denen es unzählige seriöse und unseriöse Perspektiven und Konzepte gibt. Die Überschriften der Wochen werden von den Veranstaltern im Vorfeld mit Bedacht gewählt, deuten meistens auch aktuelle gesellschaftliche Fragen an, nehmen Bezug zu gesellschaftlichen und oder fachlichen Enwicklungen.

Sinn und Werte. Persönliche Reflektionen. In Anbetracht der Umweltzerstörung, Klimakatastrophe, Kriege, Flüchtlingsbewegungen, Zunahme radikaler politischer Kräfte, wirtschaftlicher Umbrüche usw. erleben viele Menschen Ohnmacht, Angst, Wut. Große Verunsicherung macht sich breit, viele nicht oder kaum zu beantwortende Fragen ploppen auf: Was macht der Mensch? Warum macht er es? Macht das irgendeinen Sinn? Solche Fragen sind global, beziehen sich auf Übergeordnetes. Der Verlust von Sinnerleben betrifft viele Menschen mehr oder weniger oder wird zur Seite geschoben. Als ich mich für Lindau anmeldete, waren meine Enscheidungen für meine Auswahl an Vorträgen und Seminaren nicht nur fachlich motiviert, sondern auch durch mein eigenes Erleben von Irritation und stellenweisen Verlust von Sinnerleben mit Blick in die Welt. Ich wünschte auch Antworten. Ich wünsche immer noch Antworten – doch die Fragen haben sich nach dieser Woche verschoben. Der Tanz mit dem Un- und Vorbewussten, dem Bewusstsein: Weder ich als Psychotherapeut noch ich als Privatmensch kann die Frage nach dem übergeordneten Sinn beantworten. Ob und welchen Sinn es hat und macht, dass die Menschheit in der Summe mit ihrer Lebensgrundlage nicht sonderlich gut umgeht – ich auch ab und zu – kann und nun nach meinen Lindau-Erfahrungen will ich nicht beantworten. Ich möchte eigentlich nicht mehr von dieser Frage belästigt werden, was vermutlich aber weiterhin geschehen wird, Ausdruck meiner inneren Reaktionen (existenzielle Angst, Wut bis Hass, Ohnmacht und Fassungslosigkeit)  auf den täglichen Wahnsinn der Welt. Sollen die Religionen der Menschen, die Philosoph:innen oder andere sich damit beschäftigen – das ist ihr Geschäft. Die übergeordnete Frage ist doch eh eine unbeantwortbare, schon gar nicht objektivierbare Frage. In die so bei mir entstehende Lücke mit der gelegentlichen Beschäftigung mit dem übergeordneten Sinn, die Ausdruck von Ohnmacht und Verzweiflung ist bzw. darauf folgt, möchte ich mehr Zeit und Energie mit Fragen meines induviduellen Sinnerlebens aufwenden – ich weiß, dass mir das gut tun wird. Worum geht es beim individuellen Sinnerleben versus dem übergeordneten Sinn? Es geht um kleinere Dinge. Dinge, die ich eher beeinflussen kann und die ich bis zum Ende des Absatzes skizziere: A. Ein mehr gutes als schlechtes Umgehen mit meinem Körper – z.B. bezüglich Ernährung, Reduktion toxischer Dinge, Erholung, Schlaf, Bewegung. B. Das Bemühen um eine gleichgewichtsförderlichere Steuerung meiner Sinne, ein besseres Hin und Her der Blick- und Fühlrichtung meiner Sinne nach Innen und Außen – heißt vielleicht praktisch z.B., mir öfter situativ die Frage zu stellen, ob ich mich weiter mit meinen Sinnen auf Dinge im Außen fokussiere oder woanders hinschaue, oder den sinnlichen Blick nach Innen zu richten, was fühle ich jetzt, wie stehe ich da und wie atme ich. Klingt irgendwie abstrakt. Können wir drüber sprechen. C. Eine bessere Steuerung und Verteilung der Inhalte, mit denen ich meine wache Lebenszeit verbringe: Weniger Arbeiten, mehr Nicht-Arbeitszeit. Allein-Zeit mit für mich subjektiv sinnstiftenden Dingen zuzubringen und weniger anscheinend oder scheinbar sinnlose Zerstreuung der Zeit, z.B. mit zu langem Kreisen im Internet oder anderen, eigentlich für mich sinn-reduzierten bis -befreiten medialen Geschichten. Sinnstiftend ist für mich z.B. die Beschäftigung mit Musik, das Lesen von i.d.R. gedruckten Texten (z.B. Psychokram: primär nicht, weil ich mich fachlich verbessern möchte, sondern weil es mich einfach so interessiert. Romane. Auch Philosophisches. Auch Religion.). D.  In der wachen Lebenszeit neben der Allein-Zeit ausreichend viel Begegnungszeit. Die Frage der Kontakte eines Menschen zu anderen Menschen, die soziale Seite und Bedürftigkeit des Menschen war auch immer wieder in Vorträgen und Seminaren im Fokus der Betrachtung. In meiner Welt unterscheide ich Begegnungszeit in 2 Kategorien: Menschen und Tiere. Auch die Begegnung und direkte Interaktion mit Tieren hat für mich etwas überaus sinnstiftendes und auch „soziales“. Jaja, auch Menschen. Diese von A. bis D. skizzierten Dinge mögen sehr viel klingen, wenn es gilt, das alles in meinem Leben besser als bisher zu beeinflussen. Was soll ich sagen bzw. schreiben. Zunächst habe ich die Überzeugung, dass unsere Beeinflussungs- und Kontrollfantasien eh etwas von uns selbst bewusst und unbewusst konstruiertes sind. Wir können objektiv oder mit Abstand betrachtet deutlich weniger beeinflussen, als uns vielleicht lieb ist. Unabhängig von meiner realen Unfähigkeit, wichtige Dinge zu beeinflussen, bin ich seit geraumer Zeit bereits damit beschäftigt, im kleinen einiges bei mir zu verändern, manches wird sogar zum Reflex, zur Intuition – sowas muss nur lang genug trainiert werden, dann wird es zur Intuition. Während ich auf der einen Seite denke und fühle, dass der Irr-Sinn auf der Welt immer mehr wird, erlebe ich mich persönlich in meinem Leben entspannter, weniger eskalativ bzw. schneller Eskalationen einfangend. Ich fühle in den letzten Jahren zunehmend häufig Dankbarkeit – gegenüber Menschen, Tieren, der Natur, aber auch gegenüber einer übergeordneten Instanz, hm… ich weiß ja nicht.

Sinn und Werte. Reflektionen zu den Fortbildungsinhalten. Am Vormittag nahm ich täglich an zwei jeweils 1 Stunde dauernden Vorträgen vor einem großen Publikum teil. Die Inhalte:

Insgesamt gut, manche Vorträge waren sehr interessant und erhellend. Ich fühlte mich angesprochen. Danach gab es bis zur Mittagspause ein Seminar von einer spanischen, sehr lebendigen und angenehmen Dozentin: To mind is to care: „Der Beitrag des Mentalisierens in der Behandlung der Komplexen posttraumatischen Belastungsstörung.“ Es nahmen gut 20 Menschen teil, es ergaben sich immer wieder interessante Diskurse. 2 Stunden Mittagspause. Kurz ins Hotel, eine Kleinigkeit essen, Spazierengehen.

Dann ging es weiter mit dem absolut besten Seminar seit vielen Jahren mit 80 Kolleg:innen, die Prof. Vogel 1,5 Stunden zuhörten.: „Ein Leiden der Seele, die ihren Sinn nicht gefunden hat – C.G. Jung“. Am Ende, ab und zu zwischendurch gab es kleinere Diskussionen. Ein extrem guter, zugleich interessanter Dozent. Zentrale Gedanken seines Vortrags oder der Konzepte und des Denkens von C.G. Jung hier hinzustellen, würde den Rahmen sprengen. Viel könne ich eh nicht wiedergeben, viel mehr des Vortrags ist tiefer in mich eingedrungen und wirkte bis heute nach. Soviel zu meinen Eindrücken: Ich fand mich in hohem Maß in den Inhalten des Vortrags wieder, die Fantasie kam auf, dass ich einiges in meine eigenen Behandlung über eine Haltung, die mit C.G. Jungs Konzepten korrespondiert, bereits trage, als weitere Fantasie, mehr mit meinen Patien:innen über existenzielle Fragen ihres eigenen Sinnerlebens sprechen zu wollen. Was gibt ihnen persönlich einen Sinn? Was erleben sie als sinnlos? Welchen Sinn sehen sie in dem Komplex der eigenen Problematik? Es geh nicht primär um die Beseitigung von Symptomatik. Es geht zunächst um die demütige Akzeptanz auch des Leids. Sich das eigene Leid nicht selbstabwertend vorzuwerfen. Und miteinander gilt es den verborgenen Sinns der aktuellen Lebenssituation zu erspüren. Mein letztes Seminar des Tages war schräg, interessant und an einem Tag unerträglich. Ein Verhaltenstherapeut stellte der Gruppe von 20 Teilnehmenden – die Hälfte waren Verhaltenstherapeuten – ein Training bzw. Programm, das als Gruppentherapie im stationären Setting durchgeführt wird, vor: „Mitgefühl in der Psychotherapie – Compassion Focused Therapy. Es war die Herausforderung, die verhaltenstherapeutischen Begriffe und Konzepte in psychodynamische Konzepte für mich zu übersetzen. Am 2. Tag war ich ruhig, kontrolliert. Ich hörte zu, in mir brodelte es zunehmend – zu technisch, zu sehr Gehirnwäsche, zu direktiv. Affekte wie Wut, Angst, Scham- und Schulderleben – als affektive Subebene oder Störungsgröße, was Prozesse von Mitgefühl und Empathie unmöglich macht – wurde nach meinem Eindruck in den VT-Konzepten zu sehr ignoriert. Ich war so aufgewühlt, dass ich mir die Frage stellte, ob ich das Seminar einfach nicht mehr aufsuche und was für mich besseres mache. Ich mache die spannende Erfahrung, dass ich nach dem Seminar meine Abneigung gegen den Dozenten und der Inhalte einmal richtig intensiv fühlte, ich war echt abgenervt. Mir das zu erlauben, mir das bewußt zu machen, war wichtig. Ich ging wieder hin, äußere mich am Anfang zu einer Sache mit einem Transfer einiger zentraler Aussagen von ihm in psychodynamische Konzepte. Dies beantwortete er damit, dass er das versteht und er zu den Verhaltenstherapeuten der dritten Welle gehört, die den Blick mehr auf Emotionen und inneres Erleben richte. Ich   stellte fest, dass mir der Dozent zunehmend neutral bis milde sympathisch wurde und ich dem Vortrag und der Diskussion wieder folgen konnte. Ich musste einmal meine Ablehnung richtig spüren und mich einmal kontrovers-ergänzend äußern, dann ist es ok. Tja – es macht einfach keinen Sinn, eigene Affekte wie Gernervtsein bis Wut oder Abwertung des Gegenübers zu ignorieren – denn dann bleibt ein diffuses blödes Bauchgefühl, was unangenehm einnimmt und die Denkprozesse empfindlich stört. Wir leben halt nicht im Supermarkt der nur guten Gefühle oder fortwährenden Harmonie.

Abschluss. Danke. Ich bin und war auf einer Reise mit vielen intensiven Momenten. Die Intensität bezog sich weniger auf das Außen, als mehr auf das Innen und das Da-Zwischen, die guten Begegnungen, der interaktive Tanz von Außen und Innen. Äußere Ereignisse: Ich habe in den letzten Tagen keine besonders aufregenden oder unvorhersehbare Ereignisse im Außen erlebt, bin nicht einen sehr hohen Berg hinaufgestiegen, habe keinen extremen Sport gemacht, was ich eh nicht mache oder ähnliche Intensitäten. Das gegenständliche Außen war besonders schön: Lindau mit seinen Häusern, Wegen und Ausblicken ist für mich traumhaft schön, irgendwie eine Welt, die deutlich von meinen sonstigen Um-Welten abweicht. Begegnungen:

Ich habe einige Menschen getroffen, mit denen ich neben der fachlichen Seite freundschaftlich verbunden bin. Das war schön, nein. Das war sehr schön, angenehm, erfüllend und sinnvoll. Sehr sinnvoll. Verbundenheit im Nahen. Das war so schön, dass ich es immer haben möchte. Inhalieren und Festhalten. Geht nicht. Kann ich nur was für tun, es öfter zu erleben. Es gab Begegnungen mit mir bis dahin fremden Menschen. Auch die waren in der Zeit stellenweise überaus angenehm. Das Innen: Gefühle des Sattseins, etwas Sinnvolles getan zu haben und zu tun und resuliterende Dankbarkeit. Auf dem Weg zurück und momentan noch milde anhaltend erlebe ich Begegnungen im Alltag mit Menschen weicher, positiver. Das fühlt sich gut an. Ich weiß, dass ich auch dafür verantwortlich bin, meine zeitweise heftige Ablehnung der Gattung Menschen, einschließlich meiner Person – ich kann mich doch da nicht herausnehmen – besser zu beeinflussen und wieder mehr Gutes auch im Alltag zu sehen. Ich habe angefangen, ein Buch von Prof. Vogel über C.G. Jung zu lesen. Danke.